XV.   Gott

 

 

 

1. Gott Vater

 

 

Ganz zu Beginn sei eine kurze Geschichte erwähnt, die auch Mutter Teresa gerne erzählte:

 

Der heilige Augustinus ging eines Tages, ganz versunken in schwierige Gedanken über Gott, am Strand seiner Heimatstadt entlang.

Da sah er ein Kind im Sand sitzen, das dort ein kleines Loch gegraben hatte, und mit Hilfe einer Muschel Wasser hineingoss.

Augustinus fragte: „Was tust du da?“   Das Kind antwortete: „Ich schöpfe das Meer aus.“

„Aber das ist doch unmöglich.“

„Eher wird mir dies gelingen, als es dir gelingen wird, das Geheimnis Gottes auszuschöpfen.“ 

 

Gott ist und bleibt der ganz Unbegreifliche, und nur, wenn er selbst sich uns mitteilt, können wir Menschen etwas von ihm erfahren.

Doch gerade dies hat er in der Geschichte der Menschheit immer wieder  an ganz bestimmten Orten, zu ganz bestimmten Zeiten getan und uns wissen lassen, dass er uns liebt.

 

Gott will ein glückliches Leben für all seine Geschöpfe, denn er selbst ist vollkommen glücklich.

Um aber wirklich glücklich sein zu können, braucht  der Mensch  zuerst die Möglichkeit, sich dazu aus freiem Willen zu entscheiden. Diese Freiheit ist ein großartiges Geschenk an den Menschen, mit dem er sehr verantwortungsvoll umgehen darf, und das es ihm überhaupt erst ermöglicht, Gott zu lieben.

 

Die Freiheit der Menschen wird von diesen bis zum heutigen Tag leider auch oft dazu missbraucht, sich gegen Gott und ihre Mitgeschöpfe zu entscheiden, und die schmerzlichen Folgen dieser Entscheidung sind wohl aus den vorhergehenden Kapiteln noch gut in Erinnerung. Der Graben, den der Mensch durch seine Abkehr aufreißt, kann von ihm selbst nicht mehr überschritten werden, und so muss Gott selbst auf die andere Seite des Grabens kommen, um dem Menschen die Umkehr zu ermöglichen.

 

In Jesus von Nazareth wird Gott selbst ein Mensch und nimmt alles Trennende auf sich. In seinem Tod und Auferstehen legt er sein Kreuz gleichsam als Brücke über den Graben des Todes und schreitet als erster in die ewige Herrlichkeit des Vaters.

Dort angekommen sendet er seinen Freunden den Heiligen Geist, um auch ihnen den Hinübergang in das Leben von Ewigkeit zu ermöglichen.

Zu dieser seiner Freundesschar, die die Kirche genannt wird, sollen am Ende der Zeiten alle Menschen gehören.

 

Lassen wir nun Mutter Teresa und Frère Roger zu Wort kommen, die eben dieses Geheimnis von seinen verschiedenen Blickwinkeln her betrachten.

 

 

 

Mutter Teresa:   

 

„Bevor Jesus kam, war Gott von erhabener Majestät, ein gewaltiger Schöpfergott.

Und dann kam Jesus und wurde einer von uns, weil sein Vater die Welt so sehr liebte, dass er uns seinen Sohn schenkte.

Und Jesus liebte seinen Vater und wollte, dass wir beten lernen , indem wir einander lieben, wie der Vater ihn geliebt hat.“ [318]

 

„Ich habe keine Phantasie. Ich kann mir Gott den Vater nicht vorstellen.

Alles, was ich sehen kann, ist Jesus.“ [319]

„Der Vater - das schönste Geschenk, das Jesus uns auf Erden machte.

Er sagte zu Philippus: ,Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen...

Ich bin im Vater und der Vater ist in mir...’

Und als er uns beten lehrte sagte er: ,Sprecht so, wenn ihr betet: Unser Vater...’

Jesus war sich der Liebe des Vaters zu ihm so sicher und auch seiner Liebe zum Vater, dass er sich unablässig darum bemühte, uns zu verstehen zu geben, wie sehr der Vater uns liebt.“ [320]

 

 

 

Frère Roger:

 

„Gott ist ganz Licht - so sehr, dass wir nicht sehen können. Er ist ein Gott, vor dem unsere Augen blind werden.

Christus fängt dieses verzehrende Feuer auf und lässt Gott durch seine Einfachheit durchscheinen.“ [321]

 

„Gott ist so unauflösbar mit dem Menschen verbunden, dass er überall gegenwärtig ist, wo es Menschen gibt, mögen sie es wollen oder nicht.“ [322]

 

 

 

 

 

2. Gott Sohn

 

Ganz in der christlichen Tradition stehend hat Jesus Christus für Mutter Teresa natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Gott der Vater teilt sich eben in einzigartiger Weise und mit unüberbietbarer Klarheit in seinem Sohn mit, wobei jegliches Konkurrenzverhältnis, das wir mit unseren menschlichen Maßstäben hier vermuten könnten,  in Gott, der Gemeinschaft und Liebe ist, völlig ausgeschlossen bleibt.

  

 

Mutter Teresa:

 

„Wenn Sie Jesus aus meinem Leben nehmen, dann ist mein Leben ein bloßes Nichts.“ [323]

 

„Es ist nicht deine Berufung, für die Leprakranken zu arbeiten. Deine Berufung besteht darin, Jesus zu gehören. Die Arbeit für die Leprakranken ist nur die Umsetzung deiner Liebe zu Christus.“ [324]

 

„Wenn wir den Armen dienen, dann dienen wir Jesus. Ich diene Jesus, 24 Stunden am Tag.  Was immer ich tue, es wird für ihn getan, und er gibt mir die Kraft dazu. Ich liebe ihn, wenn ich die Armen liebe, und durch ihn liebe ich die Armen.“ [325]

 

„Liebt Jesus mit einem großen Herzen. Dient Jesus mit Freude, räumt alles beiseite, was euch Sorgen macht, und vergesst es. Damit ihr das tun könnt, müsst ihr liebevoll wie Kinder beten.“[326]

 

„Arbeitet für Jesus, dann wird Jesus mit euch arbeiten. Betet mit Jesus, dann wird Jesus durch euch beten. Je mehr ihr euch selbst vergesst, desto mehr wird Jesus an euch denken.“ [327]

 

 „Jesus wird Großes mit euch tun, wenn ihr ihn wirken lasst und ihn nicht dabei stört. Wir stören Gottes Pläne, wenn wir etwas durchsetzen wollen, das uns nicht ansteht.“ [328]

 

„Wir möchten Jesus willkommen heißen, nicht in einer kalten Krippe, der unser Herz bisweilen gleicht, sondern in einem Herzen voller Liebe und Demut, in einem unbefleckten Herzen.“ [329]

 

„Mit der Geburt Jesu in Betlehem kam Freude in die Welt und in die Herzen aller Menschen. Derselbe Jesus kommt in der heiligen Kommunion immer wieder in unser Herz.“ [330]

 

„,Mich dürstet’, sagte Jesus am Kreuz. Er sprach nicht vom Durst nach Wasser, sondern nach Liebe. Er, der Schöpfer des Alls, bat um die Liebe seiner Geschöpfe.“ [331]

 

„Unser Ideal ist nichts anderes als Jesus.“ [332]

 

„Heute sind die Menschen mehr denn je zuvor hungrig nach Jesus.  Und er ist die einzige Antwort, wenn wir wirklich Frieden wollen in dieser Welt.“ [333]

 

 

 

 

Frère Roger:

 

Wie schon häufig erwähnt ist der auferstandene und gegenwärtige Jesus die eigentliche Mitte im Leben Frère Rogers. In ihm kommt uns Gott so nahe wie nur irgend möglich und bietet uns Menschen die Versöhnung mit ihm an.

Die Antwort auf diese liebevolle Einladung hat Frère Roger in der täglichen Nachfolge Jesu auf dem Weg zur Vollendung des Reiches Gottes zu geben versucht.

 

 

„Jesus Christus, du bist es, der mich liebt bis in das Leben, das ohne Ende ist. Du öffnest mir den Weg zum Wagnis. Du willst nicht nur ein paar Brocken von mir, sondern mein ganzes Leben.“ [334]

 

„Nicht Christus ist es, der abwesend oder dem Menschen fern ist. Der Mensch ist es, der zerstreut, fern oder gleichgültig ist. Christus existiert unabhängig vom Menschen, er ist nicht an die subjektiven Gefühle gebunden, die wir für ihn hegen oder nicht.“ [335]

 

„Du weißt, Jesus Christus ist für alle, nicht nur für einige gekommen.

Er hat sich ausnahmslos an jeden Menschen gebunden.“ [336]

 

„An welchen Zeichen kann man erkennen, dass man Christus begegnet ist? Wenn es einen unwiderstehlich drängt, alles zurückzulassen ohne zu wissen, wohin der Weg einen führt.“ [337]

 

„Du hast den Weg in der Nachfolge Christi gewählt, eine Entscheidung, die kein Mensch für einen andern treffen kann.“ [338]

 

„Es gibt keinen anderen Ausweg, als sich ganz auf Christus zu stürzen, ihn bei jeder Gelegenheit anzurufen, ihn nahe zu wissen.“ [339]

 

„Licht in der Dunkelheit, liebt Christus jeden Menschen wie seinen Einzigen.

Für jeden hat er sein Leben hingegeben, darin liegt sein Geheimnis.“ [340]

 

„Wenn mein Gesprächspartner ein Ungläubiger ist, verflüchtigt sich dann die Gegenwart Christi? Sie ist anders, mehr kann ich nicht erfassen.“ [341]

 

„Als Gott nicht mehr wusste, wie er sich den Menschen begreiflich machen sollte, kam er selbst als Armer, als Geringer auf die Erde. Er kam durch Jesus Christus.“ [342]

 

 

 

 

 

 

3. Gott Heiliger Geist

 

 

Erst der Heilige Geist ermöglicht es uns, all das bisher Gesagte zu begreifen. Er entspringt aus der Überfülle des Vaters und des Sohnes und erfüllt uns mit Liebe, Freude und Frieden.

Er ist der Geist, die Atmosphäre, die zwischen dem Vater und dem Sohn herrscht, die einander inniglich lieben und die Schöpfung an dieser Liebe teilhaben lassen wollen.

 

 

Mutter Teresa:

 

„Während wir uns auf das Kommen des Heiligen Geistes vorbereiten, bete ich für euch, dass der Heilige Geist euch mit seiner Reinheit erfülle, damit ihr in einander und in den Armen, denen ihr dient, das Antlitz Gottes sehen könnt.

Ich bitte den Heiligen Geist, euch von aller Unreinheit zu befreien, den Leib, die Seele, den Verstand, den Willen und das Herz, damit jeder von euch ein lebendiger Tabernakel Gottes wird und den Menschen seine Liebe und Barmherzigkeit bringen kann.

Bittet den Heiligen Geist, dass er euch zu Sündern ohne Sünde macht.“ [343]

 

 

 

Frère Roger:

 

„Der Heilige Geist hält uns wach. Die Entscheidung für Christus erfordert, dass wir einen einzigen Weg, und nicht zwei Wege auf einmal gehen.“ [344]

 

„Wer ist dieser Heilige Geist?  Er ist der Geist des auferstandenen Christus.“ [345]

 

„Der Heilige Geist setzt uns zu und bearbeitet uns. Er richtet uns im Innersten neu aus.

Er bereitet uns auf das Wagnis der Verzeihens und der Versöhnung vor.“ [346]

 

 

 

  

 

4. Der dreieine, dreifaltige Gott

 

Aus dem bisher Gesagten ist hoffentlich erahnbar geworden, dass Gott uns in drei Personen begegnet, die miteinander auf unvorstellbar enge Weise verbunden sind. In jedem Wirken Gottes an seiner Schöpfung wird daher immer der eine, dreifaltige Gott spürbar.

Mutter Teresa und Frère Roger haben sich ihr Leben lang bemüht, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele mit all ihren Gedanken und mit all ihrer Kraft diesen Gott um alles zu bitten, diesem Gott für alles zu danken, und diesen Gott zu loben und zu preisen

 

 

Mutter Teresa: 

„Die Liebe Gottes, des Vaters, für seinen Sohn und die Liebe des Sohnes für den Vater bringt Gott, den Heiligen Geist, hervor. So sollte die Liebe Gottes zu uns und unsere Liebe zu Gott den freien, ungeteilten Dienst für die Armen hervorbringen.“  [347]

 „Wir sind berufen, hinein genommen zu werden in die beständige Beschauung des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, in die Beschauung ihrer Liebe zueinander und ihrer Liebe zu uns, wie sie in den Großtaten Gottes, in der Schöpfung, im Werk der Erlösung und der Heiligung sichtbar wird.“ [348]

 

 

Frère Roger: 

„Denken wir daran: nicht wir haben dieses Feuer entzündet. Nie ist es unser Glaube, der Gott erschafft. Genauso wenig wird die Existenz Gottes durch unsere Zweifel beendet.“  [349]

 „Vor bald dreitausend Jahren zieht der Prophet Elija eines Tages in die Wüste, um Gott zu lauschen. Ein Orkan bricht los, dann ein Erdbeben und ein ungestümes Feuer. Aber Elija begreift, dass Gott nicht diesen Entfesselungen der Natur innewohnt.

Gott setzt sich nicht mit Gewaltmitteln durch, die Angst machen. Gott ist niemals der Urheber von Erdbeben oder Krieg.

Als überall Ruhe eintritt, hört Elija Gott wie im Flüstern eines leichten Windhauchs.

Etwas Ergreifendes offenbart sich ihm: die Stimme Gottes lässt sich in einem Stillehauch vernehmen.“  [350]

 

 

 

 

Und nun lade ich Dich, lieber Leser, ein, für ein paar Minuten diese Stille zu erleben, und dann mit Gott zu sprechen, so wie dies Mutter Teresa und Frère Roger im August 1976 in Taizé getan haben.

 

 

„O Gott, Vater aller,

Du bittest jeden von uns,

Liebe zu verbreiten, wo die Armen gedemütigt werden,

Freude, wo die Kirche erniedrigt wird,

Und Versöhnung, wo Menschen zerstritten sind...,

Vater gegen Sohn, Mutter gegen Tochter,

Ehemann gegen Ehefrau, Gläubige gegen Ungläubige,

Christen gegen ihre ungeliebten Christenbrüder.

Du öffnest diesen Weg für uns, so dass der verwundete Körper Jesu Christi, deine Kirche,

der Sauerteig der Kommunion für die Armen der Erde und in der ganzen Menschenfamilie sein möge.“ [351]

 

 

 

 

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